Historie

So sah es vor 50 Jahren auf dem Rappenhof aus

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Juliane von Krüdener

aus "Das Kernerhaus und seine Gäste"
von Theobald Kerner, Sohn von Justinus Kerner

Drei Jahre vorher, ehe mein Vater nach Weinsberg zog, im Jahre 1815, lebte auf einem einsamen Bauernhofe, genannt der Rappenhof, eine halbe Stunde von Weinsberg, eine vornehme Dame aus Kurland, die Juliane von Krüdener, geborene von Vietinghoff. Dieselbe, in ihrem sechzehnten Jahre an den russischen Gesandten von Krüdener verheiratet, später von ihm geschieden, war mit ihrem äußerst regsamen Geiste, ihrer Anmut und Schönheit einst die Zierde der vornehmen Pariser Kreise gewesen, mit den zunehmenden Jahren und nach einem wechselvollen Leben hatte sie sich dem Mystizismus ergeben, durch ihr exaltiertes Leben, ihren Hang zur Sektiererei und Geheimbündelei viel von sich reden gemacht, und nachdem sie in mehreren Orten Württembergs kurze Zeit sich niedergelassen, hatte juliane.gifsie den Rappenhof bei Weinsberg zum bleibenden Aufenthalt ausersehen. Ihr zur Seite stand eine Art von Hofmeister oder Verwalter, der sie in ihren Plänen unterstützte und in Heilbronn viele seidene Bänder einkaufte, die sie als Ordenszeichen an ihre Anhänger verteilte, wodurch sie sich die Ungnade ihres Königs zuzog und ihre Ausweisung aus Württemberg bevorstand. In demselben Jahre übernachtete auf der Durchreise nach Paris Kaiser Alexander von Rußland in dem am Marktplatz angelegenen von Rauchschen Hause in Heilbronn. Er hatte eine schlaflose Nacht und in qualvoller Sorge über die damalige Weltlage und wie er dabei einzugreifen habe, soll er vor seinem Bett knieend Gott gebeten haben, ihm einen Menschen zu senden, der ihm das richtige rate. Plötzlich meldete ihm ein Adjutant im Vorzimmer stehe eine sonderbare Dame, die lasse sich durchaus nicht abweisen, und behaupte, sie müsse den Kaiser sprechen, sie nenne sich Frau von Krüdener. "Sie soll eintreten, sie soll sogleich eintreten!" rief der Kaiser, "Gott hat mein Gebet erhört"! und er hatte eine lange Unterredung mit Frau von Krüdener. Den anderen Morgen reiste er ab, zwei Tage darauf folgte ihm die geistreiche, abenteuerliche Frau und soll auf den zum Mystizismus geneigten Kaiser großen Einfluß geäußert und viel zur Stiftung der heiligen Allianz beigetragen haben. Wenn mein Vater vom Geisterturm oder der Weibertreu aus den Fremden den Rappenhof zeigte und dabei die Geschichte der Frau von Krüdener erzählte, fügte er oft scherzend hinzu: "die heilige Allianz ist eigentlich in Weinsberg entstanden und gehört auch zu den kakodämonischen Erscheinungen." Das Bild der Frau Krüdener, das sie auf dem Rappenhof über ihrem Schreibtisch hängen hatte, erkaufte mein Vater in einer Auktion und es ist jetzt in meinem Besitz.